Es ist ein Ros entsprungen

Evangelisches Gesangbuch, Lied Nr. 30  

1. Es ist ein Ros entsprungen
Aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen,
Aus Jesse kam die Art
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.

2. Das Blümlein das ich meine,
Davon Jesaias sagt:
Marie, die reine Magd,
Aus Gottes ewgen Rat
Hat sie ein Kind geboren
Welches uns selig macht.

3. Das Bümelein so kleine,
Das duftet uns so süß,
Mit seinem hellen Scheine
Vertreibt's die Finsternis.
Wahr' Mensch und wahrer Gott,
Hilf uns aus allem Leide,
Rettet von Sünd und Tod.

4. O Jesu, bis zum Scheiden
Aus diesem Jammertal
Laß Dein Hilf uns geleiten
Hin in den Freudensaal,
In Deines Vaters Reich,
Da wir Dich ewig loben.
O Gott, uns das verleih!

 

Diese Deutung korrespondiert mit Glaubensvorstellungen, nach denen in der heiligen Nacht Tiere sprechen und Blumen sprießen würden. Tatsächlich rekurriert der Text jedoch auf die Genealogie Jesu und soll dessen Gotteskönigtum belegen. Als Sohn des Isai lässt sich der biblischen Überlieferung nach über Joseph eine Abstammungslinie bis König David ziehen (Matthäus 1,16), Jesus gehe demnach als "Reis" aus dem "Stumpfe Isais" hervor und werde als dessen "Schößling Frucht bringen" (Jesaja 11,1a).

Der erste Beleg des Weihnachtsliedes findet sich im Jahr 1599, ältere Fassungen sollen jedoch schon im 15. Jahrhundert bekannt gewesen sein. Für den noch heute populären vierstimmigen Tonsatz zeichnete 1609 der Kantor Michael Schulteis verantwortlich. Schulteis war Hofkapellmeister und Komponist im niedersächsischen Wolfenbüttel und ist heute besser bekannt unter dem Namen Michael Praetorius - Latinisierungen von Namen waren in der Frühen Neuzeit nicht unüblich. Der Lutheraner Praetorius kürzte das zeitweise auf 23 Strophen angewachsene Lied auf nur zwei Strophen und schwächte überdies die im Text enthaltene Marienverehrung ab: Er änderte den Abschluss der letzten Zeile von "bleibend ein' reine Magd" in "wohl zu der halben Nacht" - und tilgte somit die Thematik der unbefleckten Empfängnis. Trotz der allgemeinen Aufwertung des Kirchenliedes im Zuge der Reformation konnte sich Es ist ein Ros' entsprungen nicht im evangelischen Umfeld durchsetzen. Die häufige Abänderung seiner Form, insbesondere die Umgestaltung der Strophen kennzeichnet aber die Bekanntheit des Liedes, welches sich außerhalb der katholischen Kirche dann erst im 19. Jahrhundert etablierte. Im Jahre 1844 ergänzte Friedrich Layritz die letzten drei Strophen.